Nächster Fahrt - Milch & Honig
Thorsten Goldberg

Aditech GmbH, LCD Anzeigen und Steuerung


Werk

Bei der Aditech GmbH, die LCD-Anzeigen und deren Steuerung produziert, realisiert Thorsten Goldberg seine Arbeit "Nächster Halt Milch und Honig", die eine fiktive Haltestelle darstellt. Am oberen Ende eines vier Meter hohen Mastes, der in der Fußgängerzone aufgestellt wird, zeigt eine elektronische Anzeigentafel täglich wechselnde Fahrtziele. Mit ihren beschreibenden Namen, die auf verborgene Wünsche und Sehnsüchte hinweisen, sind die Fahrtziele unschwer als frei erfundene Ortsbezeichnungen zu identifizieren. Sie stammen alle aus der utopischen Weltkarte "Accurata Utopia Tabula", die vermutlich J. B. Homann um 1716 gezeichnet hatte. Diese Karte ist in verkleinertem Maßstab weiter unten am Mast angebracht und dient als eine Art Fahrplan für die oben angezeigten Fahrtziele.
Homanns Phantasiekarte, die ihrerseits auf dem Buch des kaiserlichen Generals Johann Andreas Schnebelin "Erklärung der Wunder = seltzamen Land = Charten Utopiae" beruht, fasst sämtliche damals bekannten, aber auch neu erfundenen Vorstellungen eines utopischen Schlaraffenlandes zusammen. Es handelt sich dabei um ein großes Land mit 17 Provinzen und etlichen Inselgruppen und beinahe 2000 Ortsnamen, die per Zufallsgenerator auf der Anzeigentafel der fiktiven Haltestelle erscheinen. Namen wie Sauvol, Schlaraffenburg, Dublon, Kleiderfürst, Ichmagnit, Dienstfrei, Imluder usw. deuten auf die Utopien, die sich seit dem Mittelalter mit dem Traum vom Paradies verbinden. Die ursprünglich religiöse Idee, das verlorene Paradies zurück zu gewinnen, erscheint hier in profanisierter Form. Dabei beziehen sich die unterschiedlichen Glücksvorstellungen zum Teil direkt auf Nöte und Ängste wie Hunger, Durst, Mangel, Mühsal, Bevormundung, provinzielle Langeweile oder sexuelle Frustrationen, welche die Menschen der Neuzeit plagten.
Thorsten Goldbergs Haltestelle für eine Fahrt zu Zielen, die nur in den Wunschvorstellungen der Menschen existieren, verbindet so auf raffinierte Weise einen alltäglichen Ort öffentlichen Verkehrs mit jenen Dimensionen des Wünschens, die in unserer Vorstellung auch heute noch mit dem Reisen und besonders mit der Urlaubsreise assoziiert werden. Die Verknüpfung von aktueller Technologie und längst verschollenen Glücksvorstellungen erzeugt dabei eine eigenartige Spannung, welche unsere Glücksvorstellungen sowohl als überhistorische Konstante allgemein-menschlicher Sehnsucht als auch als zeitbezogenes konkretes Wünschen zeigt.
rh

 

Künstler

Thorsten Goldberg 1960 in Dinslaken geboren,
1984 - 1991 Studium der Bildhauerei an der
Akademie der bildenden Künste Stuttgart,
seit 2003 Gastprofessur an der
Kunstakademie München,
seit 2003 Lehrauftrag an der Kunstuniversität Linz,
seit 1999 Mitarbeit im Büro für Kunst im
Öffentlichen Raum des Kulturwerks Berlin,
lebt in Berlin

www.goldberg-berlin.de